Corpsgeschichte
Die Georgia Augusta Universität Göttingen wurde 1735 gegründet und schnell bildeten sich Landmannschaften, wie schon vorher an anderen Universitäten. Solche Landsmannschaften waren damals für die Studenten lebenswichtig, um sich gegenseitig zu unterstützen. Der Weg vom Elternhaus war oft gefahrvoll, und nicht nur im Krankheitsfall war man auf die Hilfe von Freunden angewiesen. Um die Rechte gegenüber der Universität zu wahren mussten Gemeinsamkeiten gefunden werden.
In der napoleonischen Zeit und später bildeten sich aus den Landsmannschaften sogenannte Kränzchen und um die Jahrhundertwende kam an allen deutschen Universitäten der Begriff "Corps" auf. Sie waren dann mehr als 100 Jahre das tragende studentische Element und in ihnen spiegelte sich die soziale Struktur der Akademiker des damaligen Deutschlands wider. Mit den politischen Entwicklungen entstanden auch neue Verbindungen wie Burschenschaften, Turner- und Sängerschaften, fakultätsgebundene und freie Gruppierungen, teils politisch orientiert, teils nicht.
Das "Corps Hannovera", als solches am 18.01.1809 gegründet, hat unter seinen Mitgliedern hochangesehene Männer (Bismarck, von Bennigsen und andere), die die Geschichte unseres Landes lenkten. Vielleicht deshalb, vielleicht auch, weil wir schon immer einen internen, vertraulichen Raum beanspruchten, in dem der Geist und das Wort frei sind, waren und sind insbesondere die per definitionam nicht politischen und der Demokratie und Toleranz verpflichteten Kösener Corps der Obrigkeit ein Dorn im Auge.
Auch die Hannovera und die anderen Göttinger Corps traf das Misstrauen der Nazidiktatur: Das Verbot aller Corps durch das Hitler-Regime. Die Kameradschaft "Freiherr vom Stein" war seit 1939 Traditionsträger für alle Göttinger Corps auf dem Hannoveraner-Haus. Es ergab sich eine große Bindung verschiedener Göttinger "Corpsiers" an das Corps Hannovera. Nach dem Krieg konnte sich schon 1946, nach Öffnung der Universität der "Hannoversche Club" wieder öffentlich zu seiner alten Tradition bekennen. 1952 erhielt auch das Corps das beschlagnahmte Haus wieder zurück. Die Wiedereröffnung des Corpsbetriebes nach dem Krieg war eindrucksvoll.
Bis in die heutige Zeit stellen sich die damals Aktiven der oft auch kontroversen Diskussion mit denen, die heute das rot-blau-goldene Band tragen. Auch dadurch halten wir über alle Generationen hinweg, und ohne Ansehen der Person am Prinzip der freien Meinung und der Pflicht, sie zu vertreten, fest.
Nicht erst mit Beginn des neuen Jahrtausends ist es für uns schwer einen sachlichen Dialog über uns und unsere Ziele mit den anders Denkenden an Universität und in der Gesellschaft zu führen. Zu oft werden wir in den Topf der politisch aktiv tätigen Verbindungen geworfen, von denen uns weit mehr unterscheidet, als verbindet. Wir sehen unser Ziel in der gesellschaftlichen Bildung des Einzelnen, den wir an die Verantwortung für jeden Schwächeren heranführen. Wir sind politisch interessiert, aber nicht gebunden oder gar verpflichtet. Wir bekennen uns zum Fechten als einem wichtigen Bestandteil unseres Corpslebens, aber die Mensur ist nur ein Teil des Ganzen. Wir wollen unsere Studienzeit auch zu fröhlichen Gesellschaften nutzen, ohne das Studienziel aus den Augen zu verlieren. Wir sind ein Freundeskreis, der ein Leben lang zusammenhält, über Generationen hinweg. Das leben wir. Seit über zweihundert Jahren.
